Was bedeutet Altwerden in unserer Gesellschaft? Anfangs habe ich festgestellt, dass es eigentlich keine Alten mehr gibt. Es gibt fast nur noch Rüstige und Jung gebliebene. Der Rest ist bereits im Pflegeheim und harrt der Dinge. Da ich ja nun auch im vorgerückten Alter bin, habe ich bereits die ein oder andere Erfahrung gemacht.
Ich habe schon vor ein paar Jahren gemerkt, dass sich etwas verändert hat. Früher konnte ich Multitasking machen. 5 Dinge gleichzeitig erledigen und nichts hat gelitten. heute muss ich mich ganz auf eine einzige Sache konzentrieren. Daraus gelernt habe ich, dass ich tatsächlich mehr Zeit habe, mich auf jede einzelne Aktion ein zu lassen, ja manchmal sogar mehr zu genießen. Früher war ich ein absoluter Sportfan, habe viel und intensiv Sport betrieben, heute kann ich diesen Powersport nicht mehr. Aber daraus gelernt habe ich, dass manchmal weniger mehr ist. Wenn hin und wieder etwas „zwickt“, mache ich gezielte Übungen und schon ist es besser oder ganz weg.
Ich merke, dieses schneller, höher, weiter ist für mich mittlerweile bedeutungslos geworden. Ich muss mir und anderen nicht mehr beweisen, was ich noch alles kann. Vielmehr ist ein neues Verständnis von Lebensgefühl an dessen Stelle getreten. Es beinhaltet, dass alles ein bischen langsamer gehen darf. Dafür sehe und fühle ich mehr. Ich nehme das Leben um mich herum viel bewusster wahr. Ich brauchte den besonderen Kick nicht mehr, denn das Leben ist so abwechslungsreich und auch abenteuerlich. Ich muss nur genau hinschauen.
Das erinnert mich an eine kleine Begegnung mit einem jungen Mann. Ich traf ihn beim Wandern. Er hatte einen Rucksack auf, der so groß war wie er selbst. Wir trafen uns dann später nochmal und haben eine kleine Pause gemeinsam verbracht. Ich konnte ihn beobachten, wie er eine Porzellankanne und Teegläser sowie Gebäck aus seinem riesigen Rucksack holte. Ich war wirklich verblüfft, sucht man doch beim Wandern so wenig Gewicht wie möglich mit zu nehmen. Ich sprach in darauf an und er meinte, ja, ich komme nur langsam voran, aber dafür sehe ich mehr. Und er hatte recht. Er hat Tiere gesehen, die ich nicht sehen konnte, da ich viel zu schnell unterwegs war. Ich wollte ans Ziel kommen, für ihn war der Weg das Ziel. Angekommen ist er ja auch irgendwann.
Bis zum nächsten Mal!

